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Hier findest Du die Meinung und Erlebnisse von Susanne Z.

Hermann Hesse: Narziß und Goldmund

08.03.2008 10:57

Verzweifelt und gierig lief er um sein Leben, und mitten in der bittersten Not erquickte und berauschte ihn die unsinnige Kraft und Wildheit des Nicht-Sterben-Wollens, die ungeheure Stärke des nackten Lebenstriebes.

Das Seltsamste war gewesen, sich gegen den Tod zu wehren. Sich klein und elend und bedroht zu wissen und dennoch im letzten verzweifelten Kampf gegen den Tod diese schöne schreckliche Kraft und Zähigkeit des Lebens in sich zu fühlen.

Es ist nichts mehr mit dem Reiten. Es ist nichts mehr mit dem Wandern. Es ist nichts mehr mit dem Tanzen und mit den Weibern.
Aber wie ich denn sah, dass es da draußen keine Freude mehr für mich gibt, da dachte ich mir, ehe ich hinunter muss, will ich noch ein wenig zeichnen und ein paar Figuren machen, irgend eine Freude will man doch haben.

Hermann Hesse: Narziß und Goldmund

Hermann Hesse: Kurgast

05.03.2008 22:13

"Die Krankheit ist wieder zur Nebensache geworden. Weh tut es ja immer noch, das ist nicht zu leugnen. Aber so soll es denn in Gottes Namen weh tun; ich überlasse die Krankheit sich selber, ich bin nicht dazu da, ihr den ganzen Tag den Hof zu machen."
(Hermann Hesse: Kurgast)

Jim Knipfel: Blindfisch

02.03.2008 11:50

Jim Knipfel: Blindfish

Jim Knipfel ist im Mittleren Westen der USA aufgewachsen. Da liegt die Verwandlung in einen Punk nahe. Dann ist er nach New York gezogen, hat als Journalist gearbeitet und seine Wurzeln nicht verleugnet.

In seinem Buch beschreibt er, wie er langsam blind geworden ist. Das Buch ist in der Brigitte-Edition erschienen und hat einen angenehmen Preis.


Ich bin noch nicht tot.

Ich stellte fest, dass die Leute viel interessanter und attraktiver waren, bevor sie den Mund aufmachten. Kaum redeten sie, verflogen sämtliche Illusionen über ihre Schönheit, Ausstrahlung und Intelligenz.

Als mich am nächsten Morgen um halb neun der Wecker weckte, stellte ich fest, dass ich mich nicht bewegen konnte. Weder die Arme noch die Beine und auch nicht den Kopf. Nichts. Ich war gelähmt. Nicht mal das verdammte Radio konnte ich ausschalten.

Die meisten Leute behalten ihre Scheißjobs ungefähr ein halbes Jahr länger, als ihnen gut tut.

Dann und wann zwang mich etwas, die Wohnung zu verlassen. Das war immer gut. Deshalb hatte ich auch gern Arzttermine.

In der Notaufnahme geht's dramatisch und blutig zu, samt Gekreische und Schusswunden, aber es gibt da nichts Subtiles - die Tragödie spielt sich an der Oberfläche des Fleisches ab.

Das Wartezimmer eines Neurologen hingegen bedarf detektivischer Arbeit. Es zwingt einen dazu, sein, ähm, Hirn zu benutzen und anhand von Hinweisen zu entschlüsseln, was mit den Leuten, die um einen herumsitzen, schief gelaufen ist.

Bitte beruhigen Sie sich, Mrs. Martin. Es besteht kein Grund ... Bitte setzen Sie sich, Mrs. Martin, Ihr Sohn hat noch gut zwei oder drei Wochen zu leben.

Anscheinend wurde ich alt, und wenn ich noch älter werden wollte, wurde es wohl Zeit, mir so einiges zu überlegen.

Ein paar Wochen später packte Laura einen Koffer und zog aus, obwohl ich weder auf der Straße ohnmächtig geworden war noch mich voll gekotzt hatte. Sie hatte die Nase voll von mir.

Ich legte Sinatra auf, goss mir einen Whiskey ein und legte mich auf den Fußboden.
Werd damit fertig.
Dieses Leitprinzip hat mir über die meisten Krisen und Tausende von Demütigungen, die täglich an mir nagen, hinweggeholfen.

Doch an jenem Abend drängt sich mir eine fundamentale Erkenntnis auf: Mit manchen Sachen fertig zu werden lohnt sich einfach nicht.

Wenn man blind wird, ist man plötzlich den Sehenden ausgeliefert.

Ich verkroch mich in meiner Wohnung. Die Welt, in der ich lebte, wurde immer kleiner, die kahlen Wände schlossen sich immer enger um mich, die Katzen nervten. Alles glitt mir wieder mal aus den Händen. Es würde nicht lange dauern, bis ich Kleenex Schachteln an den Füßen trug und von meinen wenigen Gästen verlangte, dass sie einen Mundschutz anlegten, bevor sie meine Wohnung betraten.

Klar, gelegentlich zerfließe auch ich vor Selbstmitleid darüber, dass ich blind werde, etwa wenn ich anfange, mir zu überlegen, was ich so alles vermissen werde. Bäume allerdings nicht. ... Ich mag Bäume nicht besonders. Nein, ich werde andere Sachen vermissen: das Gesicht meines Katers Big Guy, wenn ich abends nach Hause komme und er sich auf dem Küchenstuhl räkelt und unbedingt gekrault werden will...

Ich versuchte, ihm zu erklären, dass ich meistens deprimiert sei und dass das nur wenig mit meiner Blindheit zu tun habe. Wenn überhaupt, gab mir das Blindwerden eher Auftrieb.

Nein, deprimiert war ich meistens deshalb, weil mein Leben mit Ausnahme weniger kurzer Momente der Freude ein mittleres Zugunglück war.

"Du redest von dem Stolz, es auch ohne Stock zu schaffen", sagte einer meiner Freunde, "aber du ziehst doch sicher auch einen Stolz daraus, dass du ihn benutzt."

Mir ist in Gegenwart von Blinden noch heute unbehaglich zumute. Nicht furchtbar unbehaglich, nur ein bisschen.

Blinde haben mich schon immer nervös gemacht.

Blindsein ist ziemlich beschissen. Hätte ich die Wahl, würde ich natürlich nicht blind sein wollen.

Selbstmord interessiert mich nicht mehr. Ebenso wenig möchte ich einer dieser überkompensierenden Typen werden, die Skifahren und Fallschirmspringen lernen. Ich will auch nicht in die Blindensubkultur, wo lauter Blinde über nichts anderes als das Blindsein reden und ihre Tage damit verschwenden, sich in Erinnerungen an ihr Leben als Sehende zu suhlen.

Kommentare von Unsterblichen

29.02.2008 23:00

Unqualifizierte Kommentare der Mitmenschen im Angesicht von Krankheit und Behinderung:

Sie haben ein schlimmes Bein. Ich auch.
Hänsiewasindefüß?
Laufen Sie auch so schlecht? Ich kenne das, die Gelenke!
Bleiben Sie gesund!
Wenn Sie fehlen, entsteht eine Lücke.
Gesundheit ist das allerwichtigste.

Oh Sie sind behindert!
Ich habe auch ein schlimmes Bein. Es trifft immer die Falschen.
Das ist schön, dass es Sie noch gibt
Sie haben Probleme?
Haben Sie Rheuma?
Haben Sie Gicht?
Ich habe auch eine Hüftoperation gehabt. Gehen Sie viel an die Sonne!
Oh! Sie Ärmste! Haben Sie Probleme mit dem Laufen?
Sie gehen auf Ihren letzten Füssen.
Sie laufen jedes Jahr schlechter.
Oh! Sie gehen schlecht!
Sie laufen jedes Jahr schlechter!
Waren Sie schon mal bei Frau Dr. Tinzelhunz?
Die kann Ihnen bestimmt helfen!
Sie können sich nicht richtig bewegen, haben Sie einen Hexenschuss?

Ich hoffe, dass Sie Ihren Frieden finden!
Sie sind das ja gewöhnt, aber ich habe trotzdem Mitleid mit Ihnen.
Kranke Menschen sind ungerecht, aber man muss das verstehen
Kommen Sie! Ich mache das!
Ich kann das zwar auch nicht so gut, aber immer noch besser als Sie!
Rollstuhl ist in Ordnung.
So schlecht wie dir geht es mir nicht.
Warum sitzen Sie noch nicht im Rollstuhl?
Wie lange fährst du denn noch Auto?
Ein Mann grinst: "Ich hätte Ihnen geholfen, aber Sie haben ja einen Stock!“
Sie gefallen mir heute aber gar nicht!
Dubischauschomolbesserglaufe!
Sie sind ja immer noch da!
Haben Sie einen Unfall gehabt oder laufen Sie immer so komisch?
Sie sind ja immer noch behindert!
Es tut weh, wenn man zuguckt.


"So was sagt man nicht, dachte er, wenn einem einer so was sagt, dann geht es einem gleich schlecht, egal ob zu Recht oder nicht, dachte er." (Sven Regner: Herr Lehmann)

„Höflichkeit. Der Inbegriff des Spießertums. Was ist so großartig an angenehmen Manieren? Kann doch jeder. Man braucht kein besonderes Talent, um höflich zu sein. Im Gegenteil, nett sein kann man immer noch, wenn man bei allem anderen gescheitert ist. Leute, die Ehrgeiz haben, machen sich nicht das Geringste aus dem, was andere von ihnen halten.“ Diane Setterfield: Die dreizehnte Geschichte.

Beachten Sie im Krankheitsfall: Die Diagnose geht außer den Patienten und den Arzt niemanden etwas an! Auch der Arbeitgeber hat nicht das Recht, den Grund einer Krankschreibung zu erfahren. Mit gutem Gewissen sollten Sie sich deshalb neugierigen Anfragen erwehren und klare Grenzen ziehen. Versuchen Sie nicht, einen Betroffenen zu trösten, indem Sie seine Erkrankung beschwichtigen! Nehmen Sie stattdessen den Kranken und sein Leiden ernst und signalisieren Sie Ihre Hilfsbereitschaft!“ Hanna Verena Zemme: Knigge Fallen – Peinliche Fettnäpfchen erkennen und vermeiden.

Mitleid - Kein Mitleid - Naturschutz

29.02.2008 22:56

Mitleid
Die Tatsache, dass ich einen Menschen für sein Unglück selbst verantwortlich mache, führt dazu, dass das Mitleid und das Mitgefühl unter den Menschen weniger wird.
Mitgefühl und Einfühlung sind das einzige, was die Menschen sich geben können um der existenziellen Abhängigkeit entgegenzuwirken. (Herrad Schenk, SWR 2)


Kein Mitleid
Das Mitleid ist in der Tat ein fragwürdiges Gefühl, weil es ja das Leid benötigt, um in Kraft zu treten. Was täten die Mitleidigen ohne das Leid, an dem sie so gerne und so demonstrativ teilhaben? (Franz Schuh, Die Zeit)


Naturschutz
Wie wäre es, wenn alle Kranke unter Naturschutz stünden? Man würde sie in Ruhe lassen und möglicherweise für Bedingungen sorgen, unter denen ein ungestörtes Leben möglich wäre. Kein Abfall, kein Feuer, kein Lärm. Besucher müssten Abstand (Anstand) wahren. Hominiden nennen so was Menschenrechte. (Susanne Z.)

Susanne Z.


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