Rückblick:

15.07.08 09:42 Uhr, geändert am 15.10.09 16:32 Uhr

1937 im November kam ich zur Welt. Wie das Wetter war, weiß ich nicht mehr. Trotzdem kam ich mit Brechdurchfall zum Vorschein. Es muss schon ein übler Tag gewesen sein. Der einzigste Lichtblick war, dass ich in Berlin geboren wurde. In der Jugend probierte ich alle Kinderkrankheiten aus. Bis auf spinale Kinderlähmung. Meine Methode gesund zu werden war essen und schlafen.

 

Meine Mutter meinte immer, ich hätte die Schlafkrankheit. Der 2. Weltkrieg brachte auch keine Besserung. Im Gegenteil, der Hunger nagte im Gedärm und wenn es etwas gab, dann gab es das tagelang. Speziell wenn meine Mutter hamstern fuhr. Ich weiß noch, dass wir wochenlang Rote Beete aßen.

 

Mein Vater brachte einen riesigen Sack heim. Im Lager waren 3 unterschiedliche Säcke geplatzt und der Inhalt aller drei Säcke war nun vermischt. Reis und Zucker weiß ich noch sicher. Das Dritte muss Hafer oder Gerste gewesen sein, na ja und Sand. Vor jedem Essen durften meine 3 Jahre ältere Schwester und ich, einen Teil des Sackinhaltes auseinanderklauben. War das immer eine Freude!!! Zucker mochte ich nicht, also brachte nicht einmal Naschen eine gewisse Lust. Mit 5 Jahren erfolgte die Einschulung. Eine echte Fehlentscheidung meiner Eltern. In jeder Klasse war ich der Jüngste, in jeder Klasse bekam ich Keile (Schläge, Prügel etc.). zum Glück war und bin ich helle, so konnte ich mich immer im Klassenmittel halten. Es war Kriegszeit, die Lehrer waren eingezogen und die Schulen teilweise zerbombt. Wenn man morgens zur Schule ging, konnte dort ein Zettel hängen: „Schule heute ich der Friedensschule!“ Handys hatten wir nicht, ja nicht einmal Festnetz, wir konnten nicht benachrichtigt werden.

 

Wir hatten drei Schulen in einem Stadtviertel, hatten also die Auswahl. Ein Stadtviertel in Berlin ist so groß wie ein großer normaler Ort, das heißt, wir konnten ganz schön laufen. Laufen - Fahrräder oder Autos hatte Niemand. Alle Autos im Privatbesitz waren vom Militär beschlagnahmt worden. Wer hatte denn damals ein Auto? Eventuell der Hausarzt um Krankenbesuche zu machen. 1945 war der Krieg aus und die Russen kamen. Da kam man vom berühmten Regen in die Traufe. Wir hatten Glück, dass wir nachher amerikanischer Sektor wurden. Die vier Besatzungsmächte, Sieger des Krieges – Amerikaner, Russen, Engländer und Franzosen – teilten sich Deutschland untereinander auf.

 

Wer Glück hatte wohnte bei den Westmächten, die anderen wohnten bei den Russen. Der Unterschied zwischen russischer Besatzungszone zu den westlichen Besatzungszonen war eklatant. Die Russen ließen alles was nicht niet- und nagelfest war abbauen und nach Russland transportieren. Ostberlin speziell, blutete total aus. Die Westmächte hingegen legten Hilfspläne auf. Bei den Amerikanern war es der Marschallplan, der Gelder in die Wirtschaft pumpte und die amerikanische Bevölkerung, die Carepakete packte, die der deutschen Bevölkerung zu Gute kam. Was die Franzosen und Engländer machten weiß ich nicht, aber der deutschen Bevölkerung ging es auch da recht gut. Natürlich hatten wir noch Lebensmittelkarten. Wenn man noch Marken für Butter hatte, hieß das aber nicht, dass man Butter bekam.

 

Es war eine weniger schöne Zeit für uns. Aber der Schwarzmarkt florierte, speziell nach der Währungsreform 1948. Die Reichsmark hatte ausgedient nun gab es die Deutsche Mark. 60 DM kostete ein Weißbrot auf dem Schwarzmarkt. Ein Brot regulär mit Lebensmittelkarte kostete eventuell 0,90 DM. Eine Genugtuung hatten wir Deutschen, England, eine Siegermacht, hatte noch Lebensmittelkarten als wir schon wieder normal einkaufen konnten. Eine Lehrstelle war nicht zu bekommen, studieren ging auch nicht mangels Schulen und Universitäten. Es wurden Lehrgänge in unterschiedlichen Berufen von Berufsschulen angeboten. Bei den Elektrikern verbrachte ich ca. ein halbes Jahr, dann bekam ich eine Lehrstelle in meinem Wunschberuf. Das ging über 25 Ecken und alle meine Schutzengel hatten sich zusammengetan.

 

Ich begann mit 14 Jahren eine Lehre als Tank- undGaragenwart, der Beruf war gerade (1952) zum Lehrberuf geworden. Es galt als Basisarbeitszeit die Zweiundsiebzig-Stundenwoche. Dann kamen Überstunden dazu, das bedeutet ich hatte jeden zweiten Sonntag frei. Mensch war das schön. Unter der Woche brauchte ich weder Alkohol noch Hasch, wenn ich heim kam – 10 km mit dem Fahrrad – ging es ohne Essen, nur rein ins Bett und schlafen.

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Herbert S.
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