„Etwas schnürt mich ab"

02.08.08 19:09 Uhr

Ich wache in der Früh’ auf und weiß, es ist so weit. Man kann es nicht beschreiben. Aber man weiß, es ist jetzt da. Schlagartig. Am Abend zuvor war man noch guter Dinge, und am nächsten Morgen ist alles anders. Es ist so massiv, dass man nichts dagegen tun kann. Ich kann mich nicht mehr freuen – es gibt nur schlechte Gefühle: alles ist trostlos, ausweglos, man resigniert, es gibt nichts Schönes mehr im Leben, es gibt einfach nichts Positives mehr. Man lebt trotzdem weiter, irgendwie.

Ich bleibe sehr lange im Bett liegen. Warum, für was sollte ich aufstehen? Wenn ich dann doch aufstehe, setze ich mich vor den Fernsehapparat. Von dem, was da gezeigt wird, bekomme ich nichts mit – der Fernseher läuft halt –, ich bin gedanklich ganz woanders, ich grübele und grübele. Oft ist da einfach auch nur eine Leere: Es ist gar nichts da. Ich stiere vor mich hin und denke überhaupt nichts. Ich tue auch nichts. Die kleinsten Aufgaben werden zu riesigen Sachen. Sich dazu zu überwinden, irgendetwas anzufangen, das schafft man einfach nicht. Ich gehe auch nicht ans Telefon. Wenn dann einer fragt, wie es mir geht – das kann ich gar nicht beantworten. Es ist alles zu viel, eine ungeheure Anstrengung. Ich will auch nicht, dass mich jemand besucht. Ich ertrage es nicht. Ich müßte mich dann ja unterhalten. Aber ich habe nichts zu sagen, zu diesem Zeitpunkt.

Ich warte darauf, dass mein Freund abends nach Hause kommt. Das ist ein Lichtblick: Dass ich dann nicht mehr alleine bin. Wir können in diesen Zeiten nicht viel miteinander anfangen. Aber ich bin froh, wenn er da ist. Und er versteht auch, dass ich mich nicht „zusammenreißen" kann, wie andere oft meinen – man ist nicht in der Lage dazu, man kann es nicht.

So lebe ich freudlos durch den Tag. Manchmal wird es gegen Abend hin etwas leichter. Aber am nächsten Tag bin ich wieder in der gleichen Stimmung. Wenn ich ganz unten bin, arbeite ich nur auf die Stunden hin, wo ich schlafen kann. Schlafen ist dann für mich das Höchste. Dann muss ich nicht mehr denken. Ich bin einfach nicht mehr da, nichts quält mich. Ich nehme mich heraus aus der Welt. Es ist ein Ausblenden. Darum geht es mir den ganzen Tag: Wann kann ich mich wieder hinlegen und schlafen und weg sein?

Der Gedanke, sich aus der Welt zu nehmen, ist immer da. In Verzweiflungsphasen wird er sehr vordergründig. Ich weine dann sehr viel; denke, dass ich die Situation nicht mehr ertragen kann und dass das jetzt der letzte Weg ist, um allem zu entkommen und meinem Freund und meiner Familie nicht mehr zur Last zu fallen. Dieser Gedanke ist gleichzeitig quälend wie erleichternd.

Warum ich verzweifelt bin, weiß ich nicht. Es ist dann so, dass ich mich in diesen Phasen nicht mehr beruhigen kann. Es gibt keinen Grund dafür. Das ist es, was ich nicht verstehe: Ich habe keinen Grund, traurig zu sein. Ich habe keinen Grund, mich schlecht zu fühlen. Es ist alles wie immer. Nur das Bewusstsein: Etwas schnürt mich ab, mir kann keiner helfen, ich bin ausgeliefert, ich komme da nicht mehr raus. Es ist wie ein Loch, das sich auftut, und aus dem man – je nachdem, wie tief man fällt – lange Zeit nicht mehr herauskommt.

Es ist wirklich schwer, es zu beschreiben. Wenn es mir gut geht, ist alles weg. Sobald ich „Es" nicht habe, kann ich mir selber kaum vorstellen, wie es ist – obwohl ich doch so viel Zeit meines Lebens damit verbringe.

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Susanne W. 03.08.08 13:01 Uhr:

Es ist sehr tapfer, einen Bericht wie diesen zu schreiben. Ich bin sehr berührt. Leider habe ich keine Erfahrungen mit Depressionen, und kann Dir keinen Tipp geben. Es ist sehr interessant zu lesen, da ich anfange zu verstehen, was Depressionen eigentlich sind. Gibt es keine Tabletten dagegen?

Bleib weiterhin so tapfer

LG Schnecke

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christa s.
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