Auszug aus meinem Buch - Teil 1

19.11.07 13:19 Uhr, geändert am 19.11.07 13:24 Uhr

Heute, also am Samstag, dem 2. September, sollte die kirchliche Trauung sein. Ganz früh am Morgen fuhren meine Eltern mit meinem Mann und mir in die Stadt, um die Blumen für das Auto und für mich abzuholen. Außerdem musste ich ja noch zum Friseur, um meine – damals noch sehr langen Haare – hochstecken zu lassen. Das war vielleicht eine Prozedur, für jemanden, der sich eigentlich nur miserabel fühlt. Mein Vater stellte seinen neuen Mercedes mitten in die Fußgängerzone der Stadt, direkt vor den Friseurladen, damit ich nicht so weit laufen muss. Die Friseurin hatte mir genau 72 Nadeln in die Haare gesteckt.

Als ich wieder raus kam, stand ein Polizist neben meinem Vater und ich dachte: ?Oh nein, jetzt dürfen wir auch noch Strafe zahlen?. Aber nichts von alledem. Der Polizist war ein Bekannter meiner Mutter, und er kannte meine dumme Geschichte schon, weil Mutti sie ihm erzählt hatte. So hielt er uns den Rücken frei, damit wir ungestört dort parken konnten. Das fand ich ganz lieb von ihm. Die Polizei – dein Freund und Helfer. Manchmal ist da was dran. Das war an diesem Tag dann für mich auch das einzige erfreuliche Ereignis, das muss ich ehrlich zugeben. Schon am Morgen dachte ich nur: ?Hoffentlich ist die Hochzeit bald vorbei?. Als wir dann gegen Mittag wieder zu Hause waren, ging es zu meiner Oma, die nur zwei Häuser von meinen Eltern entfernt wohnt. Wir aßen dort zu Mittag. Ich glaube es war Suppe oder so. Nicht mal daran konnte ich mich noch erinnern. Alles in diesen Tagen ging irgendwie so spurlos an mir vorbei. Das Essen fiel mir wieder sehr schwer, daran erinnere ich mich noch gut.

Als wir gerade mit dem Essen fertig waren und wieder zu meinem Elternhaus gingen, wurde ich wieder von meinem Mann gestützt, denn mittlerweile hatte sich wohl durch die Aufregung vor der bevorstehenden kirchlichen Trauung bei mir nervlich so dermaßen in meinen Beinen bemerkbar gemacht, dass ich froh war, als ich sah, dass unser Kumpel den Rollstuhl schon auf dem Hof stehen hatte. Ich setzte mich sofort hinein und sah dem bevorstehenden anstrengenden Tag bzw. Abend etwas gelassener entgegen, weil ich so etwas mobiler war als auf meinen eigenen Beinen. Der Fotograf war auch schon da zu dieser Zeit und einen Augenblick später kam mein neuer Hausarzt, Dr. K., der mich noch schnell mit ein paar Spritzen versorgte, damit ich etwas weniger Schmerzen habe, bis die Feier vorbei ist. Mein Arzt, meine Mutter und ich gingen zusammen in das Zimmer meines Bruders, denn für die Spritzen musste ich ja mein schweres Brautkleid anheben, was mir alleine unmöglich schien. Indessen raste mein kleiner Bruder mit meinem Rollstuhl durch die Wohnung und fand das äußerst spaßig. Bei dieser Gelegenheit stellten wir mit Bedauern fest, dass die Wohnung meiner Eltern alles andere als behindertengerecht ist. Die Türen und der Flur waren viel zu eng, als dass man mit dem Rollstuhl ohne Hilfe hätte dort durchfahren können. Wenn man gesund ist, macht man sich über solche baulichen Geschichten nicht so viel Gedanken, doch wenn es dann plötzlich so weit ist, werden einem solche Dinge plötzlich bewusst. Ja, der Fotograf und mein Mann warteten schon ungeduldig auf mich im Garten. Die Kinder des Hausarztes meiner Mutter waren jetzt auch angekommen, denn sie sollten bei uns Blumen streuen und natürlich mit auf die Fotos.

Ich saß die ganze Zeit im Rollstuhl beim Fotografieren. Der Fotograf hat die Bilder ganz geschickt gemacht, damit man den Stuhl später nicht sieht. Bis auf ein paar Bilder, wo er mich ganz bewusst mit dem Stuhl fotografiert hatte. Er sagte zu mir: „Dann hast du was zu lachen, wenn du aus dem Ding wieder raus bist und dir die Fotos wieder ansiehst“. Heute bin ich froh darüber, noch Bilder davon zu haben, wie er damals prophezeit hatte. Er erzählte mir davon, als er mal einen Bandscheibenvorfall hatte und dadurch auch solche komischen Beschwerden in den Beinen. Und so lange noch was weh tut, meinte er, wäre auch noch was da. Er hätte damals auch Lähmungen gehabt und der Dr. K. hatte ihm sehr gut geholfen. Da war ich ein wenig beruhigt. Jedenfalls für einen Moment. Doch immer, wenn die Beine wieder so schmerzten und mein ganzer Körper zuckte, weil mich wieder solche schmerzhaften Blitze durchzuckten, bekam ich wieder Zweifel, ob denn wirklich alles wieder gut werden würde. Und dieses Zucken wurde immer schlimmer.

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Alexa N.
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