Auszug aus meinem Buch - Teil 5

19.11.07 13:26 Uhr, geändert am 19.11.07 13:31 Uhr

Er sah gut erholt aus. Braungebrannt und mit einem charmanten Lächeln auf den Lippen. Von oben bis unten schaute ich ihn an und bemerkte, dass er heute zum ersten Mal ganz anders aussah als sonst. Er trug eine graue Stoffhose und ein weißes Hemd. Sogar eine Krawatte hatte er sich umgebunden. Wie außergewöhnlich für ihn. Sonst trug er immer Jeans und irgendein Hemd. Wie ein Arzt sah er nie aus, das fand ich gut. Aber heute... Vor Erstaunen sagte ich sofort zu ihm: „Hey, heute mal mit Schlips?“. „Ja“, erwiderte er, „das habe ich nur für Sie gemacht“. Ob er das ernst meinte? Voller Liebe blickte ich ihn an. Die Hose war wohl nicht mehr die modernste und auch der Schlips war in meinen Augen grottenhässlich. Außerdem saß er ganz schief, aber ich fand er sah damit gut aus. Auch die Bemerkung dazu fand, ich süß. Ich freute mich so sehr, dass er wieder da war. Nicht nur, weil ich ihn für meine Krankheit brauchte - nein. Auch so war ich immer gerne mit ihm zusammen und redete gerne mit ihm. Auch gönnte ich ihm seine Erfolge von ganzem Herzen. Manchmal erzählte er, wo er schon wieder einen Vortrag hielt. Dann hörte ich ihm so gerne zu,


weil ich seine Freude mitfühlen konnte. Seine Freude war auch meine Freude. Wenn er sich mal über irgend etwas geärgert hatte, konnte ich ihm aber genauso nachfühlen. Ich könnte es nicht ertragen, wenn ihm mal jemand etwas anhaben wollte. Irgendwie hatte ich in den letzten Monaten das Gefühl, ich wäre durch ein unsichtbares Band mit ihm verbunden. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass es ihm ebenso erging, und daher hielt ich meinen Mund und erzählte ihm nichts davon. Aber ich denke, er hatte auch so bemerkt, wie gern ich ihn mochte.

Na jedenfalls erzählte ich ihm nun von meinen wochenlangen Kopfschmerzen, woraufhin er die Therapie einleitete. Er wolle mehrere Ozontherapien bei mir machen und erklärte mir, wie alles vor sich geht. Er müsste mir etwas mehr Blut abnehmen, würde dann Ozon hineingeben und es mir dann später wieder verabreichen. Wow, dachte ich. Das wird aber bestimmt teuer, wenn er so viel Aufwand betreiben muss. Genau in diesem Moment nahm der Doc meine Hand und sagte zu mir: „Sie brauchen keine Angst zu haben. Sie bezahlen wieder nur Ihre 30,– DM, wie immer“. Woher wusste er, was ich denke? Da hatten wir es schon wieder. Immer weiß er, was ich denke. Kann man vor ihm überhaupt etwas verstecken? Ich lag schon für die Transfusion auf der Liege bereit, als ich ihm meinen dankbarsten Blick schenkte. Ich weiß nicht, ob Sie es nachvollziehen können, wie ich mich in diesem Moment gefühlt habe. Innerlich hatte ich ein so starkes Gefühl in diesem Moment, dass von Liebe, Dankbarkeit und Zuversicht geprägt war. Und ich fühlte, als ich ihm diesen dankbaren Blick schenkte, dass ich in diesem Moment alle meine Gefühle in meinen Augen zum Ausdruck bringen konnte. Eine Art inneres Lächeln, welches man nur über die Augen ausstrahlen kann.

Er nahm mir das Blut für die Therapie ab und ließ es in eine Infusionsflasche laufen. Schon das Finden einer Vene war ein sehr großes Problem, wie sich herausstellte. Die Flasche war mit Blut gefüllt und Dr. Braun ging in das Nachbarzimmer, um das Ozon zu holen. Er spritzte das Gas in die Flasche hinein und fing an, das Ganze auf seine Art zu schütteln. Bei ihm hatten diese Bewegungen irgendwie etwas Rituelles an sich. Seine Bewegungen waren so harmonisch und fließend, dass man merken konnte, er ist jetzt hochkonzentriert und nimmt die Sache sehr ernst. Ich kannte seinen Blick in diesen Momenten und wusste dann immer genau: „Jetzt musst du deine Klappe halten, sonst störst du ihn bei der Arbeit“.

Diese Art der Therapie bekam ich jetzt noch mehrmals, aber ich muss sagen, eigentlich half sie schon nach dem ersten Mal. Die Kopfschmerzen waren wie weggeblasen, und auch sonst fühlte ich mich viel fitter als vorher.

Als ich mit der Ozontherapie durch war, sollte ich noch ein paar Infusionen bekommen. Aus diesem Grund bekam ich vom Arzt ein Rezept für das Infusionsgeschirr und die Mittel, die ich bekommen sollte. Bestellt wurden sie in einer nahegelegenen Apotheke, die anscheinend damit schon vertraut waren. So holte ich dann alles, was wir brauchten, von dort ab und nahm es mit in die Praxis. Ich weiß nicht mehr ganz genau, aber ich glaube, ich musste zweimal die Woche zur Infusion von da an. Zur Zeitüberbrückung sollte ich mir etwas zum Lesen mitbringen, weil diese Infusionen sehr lange durchlaufen. Mir wurde erzählt, dass mir diese Infusionen helfen würden noch gezielter zu entgiften. Es hieß damals, es wäre ein Chelatbildner darin, der die Gifte im Körper bindet und über die Nieren ausscheidet. Ständig etwas Neues, aber ich war immer gerne bereit etwas Neues auszuprobieren.
Die erste Infusion wurde gelegt. Langsam fing ich an meine Witzchen über seine Künste zu machen. Mir tat es nicht weh, was er tat, und darum war ich die ganze Zeit sehr amüsiert bei der Sache. Dann sagte der Doc vor dem nächsten Einstich: „Jetzt grinst die Vene mich wieder so an und gleich ist sie wieder weg“. Ich meinte scherzhaft zu ihm, nach dem 10. Einstich würde ich zurückschlagen. Wir lachten beide. Eigentlich sollte ich ja eine flexible Nadel bekommen, damit ich in der Praxis herumlaufen konnte, aber das ging leider nicht. Meine Venen waren eine einzige Katastrophe und so nahmen wir eine andere Nadel, mit der ich allerdings nicht aufstehen durfte. So lag ich dann also immer stundenlang in einem Zimmer und las oder hörte Musik mit einem Discman, den mein Bruder mir für diese Zeit ausgeliehen hatte. Mein „kleines“ Brüderchen ist 11 Jahre jünger als ich, aber mindestens zwei Köpfe größer. Das nur am Rande.

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Alexa N.
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