Erfahrungsbericht - Teil 2

21.11.07 09:41 Uhr, geändert am 03.12.07 15:38 Uhr

Der Krankenhausaufenthalt.

Ich erinnere mich noch genau wie das Bett stand. Alle Leute kamen an, um zu schauen. Es war eine lustige Angelegenheit. Offenbar durch mein Verhalten lachten sich Schwestern, Ärzte, ja alle lachten sich kaputt. Man sagte mir,wenn ich mich ruhig verhalte, dann würden sie mir die Handschellen abnehmen. Welche Frage, jeder würde diese mit ja beantworten. Ich blieb aber ruhig! Auf eine weitere Frage, ob man mir eine Spritze geben könnte. Ich müsste mal eine längere Zeit schlafen, um auszuspannen, antwortete ich: "Und was, wenn ich das verweigere." "Natürlich werden wir dich dann dazu zwingen", sagte man mir. Das wollte ich nicht. Ich war eh machtlos bei so vielen Leuten. Das Zimmer stand voll bis oben hin. Was muss das doch ein Ereignis sein, einen Verrückten zu begrüßen. So gab ich bereitwillig nach. Man nahm mir die Handschellen ab, setzte die Spritze an. Ich sank zur Seite. Es war ein Gefühl ins Leere. Heute weiß ich, ich wurde platt gelegt. Man hatte mir Valium ( Diazepam) gespritzt. Ich habe geschlafen ein Tag, zwei Tage oder auch drei Tage. Ich weiß es nicht. Jedenfalls wurde ich in dieser Zeit nicht gewaschen. Es kam auch niemand, der mich auf die Toilette geführt hat. Getrunken oder gegessen habe ich in dieser Zeit auch nicht. Ich kann mich nur erinnern, dass ich mich irgendwann mal auf die Toilette begeben habe. Die Wände waren so hoch, alles um mich war verschwommen. Ich fühlte mich so eingeengt. Die Welt beschränkte sich nur auf das Zimmer. Es kam mir auch nicht die Idee, einmal das Zimmer zu verlassen.


Nachts wurde ich über den Flur in einen Tagesraum gefahren. Der war in der Nähe des Platzes, wo die Nachtschwestern sich aufhielten. Es war ein langer Flur. Wieder war alles verschwommen, alles wollte mich erdrücken. Das Ende des Flures war für mich nicht erreichbar. Ich erinnere mich genau, dass ich die Toilette gesucht habe. Ich war hilflos geworden! Ohne fremde Hilfe wäre ich jetzt verloren gewesen. Ich hätte nie im Leben die Toilette gefunden. Auch wenn ich davor gestanden hätte. Heute weiß ich es: man hatte Angst um mich. Ich stand so sehr unter Medikamente, dass mein Herz es nicht mehr mitmachen könnte. Ich musste unter Beobachtung sein. Später habe ich erfahren, dass ich auch eine Sitzwache hatte, diese habe ich nicht mal wahr genommen. Diese Tage waren schlimm. Ich hatte Albträume, habe mich im Bett gewälzt. Ich glaube, ich habe das alles noch mal erlebt, was ich in den letzten zwei Jahren durchgemacht habe.

Am dritten Tag kam ein Rechtsanwalt, er musste innerhalb von drei Tagen kommen das ist Gesetz. Ich war doch zwangseingewiesen. Ich kannte den Rechtsanwalt. Es war Rechtsanwalt ????? Ich hatte mit einer notariellen Sache mit ihm schon zu tun gehabt. Oh nein, ich kannte ihn nicht. Ich habe ihn nicht wahrgenommen. Es war für mich nur eine Person die Fragen stellte, warum wusste ich natürlich nicht. Er wollte von mir wissen, ob ich freiwillig im Krankenhaus bleiben wollte. Nein, wollte ich nicht. Ich wollte raus. Ich machte mir schon Pläne, wie ich aus diesem Zimmer komme. Ja, ich wollte die Dachrinne herunterklettern, die gar nicht da war. Und das Fenster war auch verschlossen. Selbst das habe ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wahr genommen. Wir wurden uns natürlich nicht einig. Ich war wieder ganz alleine. Irgendwann hatte ich es auch wahrgenommen, dass meine Frau mich besuchte. Ich war frech zu ihr und wollte mit ihr nichts mehr zu tun haben. Außerdem habe ich sie wieder nach Haus geschickt. Sie hat mich in diese Situation gebracht, von der ich nicht wusste, was das ganze soll und wie es weiter geht. Später erfuhr ich, dass meine Frau sehr oft da gewesen ist. Die Schwestern haben sie immer nach Hause geschickt, weil es keinen Zweck hatte mit mir zu reden. Ich habe das die ersten drei Tage eh nicht wahrgenommen. Es war auch gut so, ich musste erst mal selber mit mir klar kommen.



Allmählich achtete ich wieder auf Hygiene. Ich wusch mich regelmäßig, putzte meine Zähne. Man bat mir sogar das Duschen an. Ich wollte einfach in Ruhe gelassen werden. Jetzt merkte auch ich die Veränderung. Zwar waren meine Wahnvorstellungen geblieben. Es war der Höhepunkt. Ich war nervös, konnte kaum laufen. Meine Unruhe wurde unerträglich. Die nächsten Wochen lief ich den Flur auf und ab, weiter in den Tagesraum und zurück legte ich mich aufs Bett und hielt es wieder nicht aus. Ich sprang nach einigen Minuten wieder auf, lief und lief. Kontakt hatte ich die ersten drei Wochen keine. Aber meine Gedanken änderten sich. Ich war allmählich zur Einsicht gekommen. Hier musst du bleiben, hier wirst du geholfen. Man hatte in der Zwischenzeit alles an mir ausprobiert. Pöttchenweise bekam ich Haldol, Attosil Tropfen und Medikamente, für dessen Name ich mich auch nicht weiter interessierte. Ich nahm alles bereitwillig. Nie habe ich versucht, eine Tablette verschwinden zu lassen. Jetzt hatte ich das Vertrauen der Schwestern. Meine Frau und ich, wir waren wieder ein Liebespaar. Wir durften so oft ich wollte nach draußen zum Spazieren gehen. Es war immer der gleiche Weg (Ein Feldweg). Ich weiß nicht, wie oft ich ihn gegangen bin. Wir gingen immer Hand in Hand. Das war für uns beide ungewöhnlich. Wir gingen, seit wir uns kannten nie Hand in Hand. Meine Frau mochte das nicht. Ich weiß nicht, wie meine Frau diese Zeit mit mir überstanden hat. Ich hätte mir diese Treue und dieses Gefühl "Ich gehöre zu dir" mir nicht zugetraut. Nein, ich wäre nicht so stark gewesen. Alle, die ich kennen gelernt habe, die so krank waren wie ich, haben sich getrennt. Endlich, ich sollte in eine Gruppe, wie ich mich darauf gefreut habe. Es kam wieder ganz anders. Das war keine Gruppe, sondern das war Kaffeetrinken, anschauen und anblödeln. Die Gruppenleiterin hat sich kaum sehen lassen. Einmal in der Woche kam ein Arzt zu uns und sprach mit uns. Dann hörte man plötzlich, dass unsere Betreuerin das Haus verlassen muss. Nun wurde es anders. Sie bot eine richtige Beschäftigung an. Ich erinnere mich: Es war ein schöner Tag, der schönste Tag im Krankenhaus. Wir hatten Stühle in einer Doppelreihe aufgestellt. (Reise nach Jerusalem) Man was haben wir gelacht, man was habe ich für einen Blödsinn gemacht. In dieser Stunde fühlte ich mich nicht mehr krank. Spiele und Blödsinn machen ist die beste Therapie für Idioten, wie ich es war. Man muss nur für solchen Blödsinn bereit sein. Und das war ich und das bin ich auch noch heute.

Quelle: www.schizophrenie.de.vu

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Günter L.
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