21.11.07 09:44 Uhr, geändert am 03.12.07 15:37 Uhr
Die Behindertenwerkstatt
Sechs Wochen waren vergangen. Man bot mir an in einer Behindertenwerkstatt halbtags zu arbeiten. Auch wieder das Beste, was mir passieren konnte. Was war ich nervös. Eine Viertelstunde vor Abfahrt hätte ich am liebsten vorm Krankenhaus gestanden. So musste ich auf einen Mitfahrer warten, der die Ruhe weg hatte. Meine Gedanken hatten sich geändert. Ich hörte zwar noch Stimmen, aber ich wusste wo sie weg kamen oder jedenfalls, wusste ich, dass die Stimmen meine Eigenen waren. Schwierig wurde es nur, wenn jemand in der Nähe oder sogar gegenüber stand. Dann war ich immer am Zweifeln, ob das jetzt meine Stimme oder die Stimme vom Anderen war. Aber jedenfalls konnte ich jetzt damit umgehen.
Ich bekam inzwischen Leponex. Zum heutigen Zeitpunkt ist dieses nicht mehr das aller modernste Mittel, aber damals ein Mittel mit durchschlagendem Erfolg. Zusätzlich bekam ich noch ein Beruhigungsmittel Oxazepam oder in der Richtung. Jetzt war ich aber in der Lage, mich selber zu sein. Ich bat immer mir nicht zu viele Medikamente zu geben. Das habe ich auch bis zum heutigen Tag mit Ausnahmen beibehalten. Ein Fehler, den 99 % der Kranken machen! Ich war nervös, das glaubt man nicht. In der Behindertenwerkstatt arbeitete ich im Glashaus. Dieses war als Therapie in meiner Situation völlig ungeeignet. In einen großen Raum standen Bänder mit fitten - kranken Mitarbeitern. Ein Krach, eine Unruhe im ganzen Raum. Und ich mitten drin. 1/4 Stunde hat es gedauert, dann konnte ich es nicht mehr aushalten. Ich ging zum Leiter und erklärte ihm die Situation und bat, ob ich nicht spazieren gehen könnte. Das ging so, 1/4 Stunde arbeiten, spazieren gehen, auf die Liege höchsten 15 Minuten, dann konnte ich das auch nicht mehr aushalten. Ich ging wieder spazieren, habe es wieder mit Arbeit versucht und ging wieder spazieren usw. und sofort. Dieser Zustand ging über zweieinhalb bis drei Jahre. Ich bin die ersten drei Jahre ca. 70 % meiner Arbeitszeit spazieren gegangen. Ein Normalbürger würde in meiner Lage den Arzt jetzt sagen, her mit den Tabletten. Das habe ich auch gemacht, Oxazepam, Insidon. Ich habe aber immer gemerkt, dass diese Medikamente nur von kurzer Dauer waren. Nach ca. 15 Minuten merkte ich, dass ich wieder etwas ruhiger wurde. Aber nach zwei Stunden bekam ich es immer wieder Knüppel dicke zurück. Dieser Zustand war genau so unerträglich, wie vorher. Ich merkte auch, dass ich immer mehr haben wollte. Ich wollte aber nicht, denn ich wollte von den Medikamenten runter und nicht immer noch mehr. Ein Fehler, den andere meiner Meinung nach machen. Dennoch versuchte ich es mit Insidon Retard Tabletten, um länger durchzuhalten. Jedenfalls machten diese Tabletten nicht abhängig. Da hatte ich Angst vor. Heute sage ich mir, dass ich habe den richtigen Weg gewählt! Laufen war für mich die beste Therapie.
Nach Wochen, hatte ich auf Deutsch gesagt die Schnauze voll. Ich nahm bis auf mein Leponex keine zusätzlichen Beruhigungstabletten. Stattdessen habe ich immer versucht zu arbeiten, bin spazieren gegangen und habe auf der Liege gelegen
In meinem Heimatort war Schützenfest. Ein Arzt meinte doch, dass ich unter Leute kommen müsse und ich deswegen mir einen Tag Urlaub nehmen soll, um zum Schützenfest zu gehen. Ein Tag, den ich nicht vergessen kann. Ich stand mit meiner Frau Anne im Zelt und niemand sprach mit mir. Alle meine Freunde haben sich nicht sehen lassen. Niemand hat mir auch nur Guten Tag gesagt. Ich war ein Idiot und niemand wollte mit mir etwas zu tun haben. Sie hatten Angst oder Kommunikationsprobleme. Man sah es ja aus 20 Metern Entfernung, was mit mir los war.
Meine 16 Wochen Krankenhaus waren um und ich musste das Haus verlassen. Durfte sogar trotz Medikamente 400 mg Leponex noch Auto fahren. Man sagte mir, normalerweise müsste man mir den Führerschein abnehmen und sollte deswegen vorsichtig fahren. Wo kein Kläger, da auch kein Richter. Nach dem Krankenhaus sollte ich weiter in der Behindertenwerkstatt arbeiten gehen. Meine Frau wollte nicht, dass ich zu Hause bleibe. Ich musste arbeiten, ja ich wollte auch arbeiten. Es ist mir so schwer gefallen, aber ich habe mitgemacht. Selten, wenn ich es gar nicht aushalten konnte, bin ich nachmittags nach Hause gefahren. Dann hatte ich den Ärger, denn ich bekam jedes Mal zu Hause Ärger, denn ich sollte doch auf meiner Arbeit bleiben. Das tat mir immer so weh. Ich konnte nicht mehr, das ganze war für mich wie eine Qual. Na gut, auch der Ärger meiner Frau war nur von kurzer Dauer. Dann gingen wir spazieren. Zu Hause konnte ich es auch nicht aushalten. Dann nach Wochen wurde ich in die Trainingsstufe übernommen. Von nun an brauchte ich nicht mehr selber fahren. Ich wurde mit einem Bus abgeholt. Jetzt hatte ich keine Möglichkeit mehr vorzeitig nach Hause zu fahren. Meine Frau war das sehr Recht. Trotzdem kam es vor, dass ich sie angerufen habe, hol mich bitte ab, ich halte das nicht mehr aus. Eines Morgens ging ich zum Bus. Zuerst regnete es nur wenig. Plötzlich fing es an wie aus Eimern zu schütten. Ich war pittsche nass und hatte auch keine Möglichkeit in dieser Zeit mich auch unterzustellen. Das ganze dauerte nur Minuten. So ging ich nach Haus mit den Gedanken, heute brauchst du nicht arbeiten. Wieder mal falsch gedacht, denn der Ärger kam zu Hause und ich fuhr mit dem PKW zur Arbeit.
Meine Betreuer waren spitze. Wie oft, sie hieß ?????? habe ich mich an ihrer Brust ausgeweint. Ich konnte es doch nicht mehr aushalten, aber ich musste es aushalten. Eine andere Möglichkeit gab es nicht. Ich wollte keine zusätzlichen Beruhigungsmittel. Wie gut dieses war, wusste ich erst später.
Ein Jahr nach meiner Einweisung im Krankenhaus war vergangen. Da sagte meine Frau, lass uns mal nach Detmold fahren, dort ist ein Arzt, mit dem sollst du mal reden. Es war kurz vor Weihnachten. Für mich war es keine Frage. Ich habe alles getan, was sie von mir wollte. Damals wusste ich noch nicht mal, dass es ein Homöopath war, ja, ich wusste noch nicht mal was Homöopathie war. Er war nett und ich hatte sofort Vertrauen zu ihm. Wir sprachen eine Stunde miteinander. Er konnte sich aber immer noch nicht entscheiden, ob er mich behandeln will. Er lud mich nach Weihnachten noch mal ein. Dieses Mal sprachen wir zwei Stunden miteinander. Ich hatte das Gefühl, jetzt habe ich ihn überzeugt, dass ich gesund werden will. Wenn er es auch nicht direkt gesagt hat. Diese Behandlung war an Bedingungen geknüpft, an bedingungslose Bedingungen. Aber diese Bedingung war auf Vertrauen aufgebaut.
Nach unserm zweiten Gespräch bekam ich zwei kleine Kügelchen, die sollte ich morgens nüchtern auf der Zunge zergehen lassen. Gleichzeitig empfahl er mir mit Absprache meines Psychiatrie-Arztes meine Medikamente zu reduzieren. Der war natürlich nicht dafür, aber ich Bestand darauf, dass ich die Medikamente reduziere. Ich habe meine Medikamente immer mit den Ärzten abgesprochen. Aber das Vertrauen hatte ich nur zu meinem Homöopathen. Wie mein Homöopath mir es sagte, nach einer Woche bis vierzehn Tage werde ich noch unruhiger. Mir blieb keine Wahl abbrechen oder durchhalten. Ich entschied mich fürs durchhalten. Das war die klassische Homöopathie. Ich wurde auch nach drei Wochen ein wenig ruhiger. Ich konnte es merken. Aber damit war meine Unruhe noch lange nicht weg. Die erste Zeit bekam ich alle drei Monate meine Auffrischung. Monate später habe ich dann meine Medikamente weiter reduziert. Einmal in der Woche hatten wir in der Trainingsstufe Unterricht. Ich bat jedes mal, dass ich doch bitte die Augen geschlossen halten kann. So müde war ich von den Psychopharmaka. Ich habe nicht geschlafen, dazu war ich viel zu unruhig. Diesen Unterricht konnte ich so ohne aufzustehen durchhalten.
Quelle: www.schizophrenie.de.vu
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Günter L. |