Erfahrungsbericht - Teil 7

21.11.07 09:53 Uhr, geändert am 03.12.07 15:41 Uhr

Wie ging es weiter!

Wir wären keine Menschen, wenn wir es dem Kollegen - Mitarbeiter immer leicht machen würden.

Im Jahre 2005 wurde ein neues Altenheim vom Träger eröffnet. Die Bewohner von unserem Bereich wurden vorübergehend in diesem Haus untergebracht, weil der Bereich auf dem ich arbeitete auch umgebaut werden sollte. So mussten wir mit dem Bewohner in das neue Domizil umziehen. Ein Haus mit einer neuen Pflege, Hausgemeinschaftskonzept. Sechs Bereiche, jeder Bereich war nur mit 12 Bewohnern belegt. Ich versprach mir sehr viel davon. Je kleiner die Bereiche, um so weniger Konflikte hatten die Bewohner miteinander, je übersichtlicher kann man pflegen.

Doch es kam ganz anders!

Als ich die ersten Tage meinen Dienst machte, standen mir die Tränen in den Augen. Nicht anders erging es den Bewohner, die mit umgezogen sind. Sie wurden ins kalte Wasser geschmissen wie wir Pflegekräfte. Nichts im Hause war organisiert. Mitarbeiter, sie nannten sich jetzt Präsentkräfte, waren bessere Hausfrauen. Von der Pflege hatten sie null Ahnung. Bei den Einstellungsgesprächen, wurden sie auf Kochen, Putzen, Bügeln und Waschen vorbereitet. Manchen wurde am Ende des Vorstellungsgespräches gefragt, ob sie schon mal eine Pampas angelegt hätten. Von Pflege, Waschen, Anziehen, Saubermachen und Toilettengänge, alles was so zu einer Pflege gehört, wurde nichts angesprochen. Um so sauer und strapaziert waren natürlich die Präsentkräfte als sie erkannten, was ihre eigentliche Tätigkeit war. Kaum einer von Präsentkräften konnten einen ohne Anleitung zur Toilette bringen. Für Anleitung war aber keine Zeit. Die erfahrenen Kräfte, die es hier und da mal auf den Bereichen gab, waren selber mit sich beschäftigt. Ich übertreibe nicht, wenn ich behaupte in den ersten zwei Monaten wurde eine gefährliche Pflege gemacht. So lange hatte es gedauert bis die Präsentkräfte sich langsam eingearbeitet hatten.

Ich hatte es als examinierte Kraft besonders schwer, weil ich als erfahrene Kraft alles ausbügeln musste. Den dritten Tag stand ich schon im Büro, fast alle Leitungen waren anwesend, weil ich zu einer Kollegin in der Pflege gesagt hatte, als ich gerade einen Anuspreter (zweiter Darmausgang) mit ihr versorgen wollte: „Was willst du in der Pflege denn machen, wenn du keinen Stuhl sehen kannst, dann kannst du doch kündigen.“ Ihr standen die Tränen in den Augen. Sie ging hinaus und hatte bitterlich geweint, weil sie zu diesem Zeitpunkt keine Zukunft für sich gesehen hatte, da sie doch gelernte Hauswirtschaftlerin ist. Es sollte nicht das letzte psychologische Gespräch um Druck auf die Mitarbeiter auszuüben von der Leitung gewesen sein. Es gab Monate, da stand ich alle 14 Tage im Büro und holte meinen Anschiss ab. 10 Jahre hatte ich keine Abmahnung bekommen. Hier in diesem Haus bei der Pflegedienstleitung hatte ich jetzt schon nach einem 3/4 Jahr zwei Abmahnungen.

Dachte ich doch, ich hätte als examinierte Kraft einrn Bereich zu betreuen, so wurde ich durch das ganze Haus geschickt. Fast jede Woche lernte ich einen anderen Bereich kennen. Wochentags musste man zwei Bereiche betreuen und am Wochenende nachmittags sogar drei Bereiche. Das war besonders schwer, weil man am jeden Dienstwochenende sich wieder neu auf die Bewohner, wie auf die Bereiche einstellen musste. An solchen Tagen wusste man nicht, wen man zuerst gerecht werden sollte. Sollte man den Bewohner oder zuerst den Präsentkräften gerecht werden. Da es fast ein Jahr dauerte bis die Präsentkräfte sich auf ihren Bereich so sicher fühlten, um selbständig über eine längere Zeit den Bereich zu betreuen, standen die Beschwerden bei der Leitung an der Tagesordnung. Die Pflegedienstleitung machte natürlich bei jedem Teamgespräch mächtig Druck auf die Mitarbeiter, weil diese sich selber und von ihrem Chef den Druck bekamen, das Haus in Schwung zu bekommen. Nach nicht mal acht Monaten sollte der TÜV ins Haus kommen. Vier Wochen vor dem TÜV sollte eine interne Audit stattfinden. Das ist vorprogrammierte Belastung pur. Wollte das Haus doch die Zertifizierung nach dem Qualitätsmanagementsystem DIN EN ISO 9001. (Für mich das Menschenunwürdigste was es in der Altenpflege gibt.) Bis dahin musste alles auf Vordermann gebracht werden. Die ganze Dokumentation nebst Pflegeplanung musste von den examinierten Pflegekräften überarbeitet werden. Vorm TÜV kam noch die Heimaufsicht mit Gesundheitsamt für einen Tag ins Haus. Nicht genug stand der Medizinische Dienst der Krankenkasse mit nur einer Anmeldungszeit von 24 Stunden nach 12 Monaten der Eröffnung des Hauses in der Tür, um ein komplette Überprüfung des Hauses vorzunehmen. Die Leitung schlug Rad und hatte sofort alle, die nicht im Haus waren angerufen, um zu retten was noch zu retten war. Es kam wie es kommen musste, jeder Bereich jedes Schwesternzimmer nebst Medizinische Schränke und Ordner wurde kontrolliert. Am zweiten Tag nahmen sie sich acht Bewohner aus dem Haus vor und zogen sie mit Erlaubnis des Bewohners oder Betreuer - Angehörige von Kopf bis Fuß aus. Nicht ein Härchen am Bauchnabel durfte zu finden sein. Kein Schorf, keine Rötung und keine Wunde, die nicht angemeldet war und dessen Ursache man nicht begründen konnte. Hätte man einen Pflegefehler gefunden, hätte das Geldabzug und bei gravierenden Pflegefehler die Schließung des Hauses bedeutet.

Mein Problem war, ich war keine Pflegekraft mehr, sondern ein besserer Spielball der Vorgesetzten. Pflege, obwohl man morgens acht Bewohner zu Waschen hatte, war nur noch zur Nebensache geworden. Man versuchte so schnell wie möglich die Bewohner morgens zu waschen und anzuziehen, damit man später für Dinge Zeit hatte, die man jetzt als examinierte Kraft vorrangig zu erledigen hatte. Das war die Dokumentation mit Pflegeplanung, die immer wieder überarbeitet werden sollte, Tabletten vorbereiten - Tropfen stellen und verabreichen. Nervig war, man wurde bei den Stellen von Tabletten für die Bewohner, am laufenden Band vom Telefon, Schelle und Gesprächen unterbrochen. Viel Zeit benötigte die Vorbereitung der Dokumentation für den kommenden Monat. Was aber noch mehr Zeit benötigte war, das Pendeln von Bereich zu Bereich. Nicht selten war man auf einen Bereich angekommen, wurde man schon wieder angerufen, um auf den anderen Bereich zu unterstützen. Meine Haupttätigkeit war Organisation (Telefonieren, Schreiben, Tablettenstellen, Gespräche mit den Angehörigen führen, von Bereich zu Bereich laufen und die andauernden Teamgespräche). Die Zeit der Teamgespräche musste man im Dienst wieder aufholen. Wie das zu schaffen war, war der Pflegedienstleitung egal. Ich hatte bis auf die Pflege kaum noch Zeit für den Bewohner und genau das, Zeit für den Bewohner, ein nettes Wort, eine kleine Geste am Bewohner, brauchte ich für meine Psyche.

Nach ca. 15 Monaten gingen die Bewohner, die nur vorübergehend in diesem Hause untergebracht waren, wieder ins Mutterhaus zurück. Ein Bereich, den ich betreute wurde geschlossen und ich musste zwei andere Bereiche zu meinen verbleibenden Bereich übernehmen. Ein Bereich war ein halbgeschossener verwirrter Bereich. Drei Bereiche und das jeden Tag, das war die Zeit, wo ich mich überfordert fühlte. Verstärkt wurde alles noch durch neue examinierte Mitarbeiter und Bewohner, die ich zu betreuen hatte und noch nicht gut kannte. Ein kollegiales Gespräch, das ich bei meiner Krankheit brauchte, konnte ich nicht mehr führen. Ich viel zunehmend in einer Depression, die sich über Monate hinweg schlich. Die Krise bekam ich aber als die Pflegedienstleitung auch noch eine neue Pflegeplanung einführte. 10 DIN A4 Blätter, die beidseitig beschriftet werden mussten. Darüber hinaus sollte noch die Sturzprophylaxe bei jedem Fallgefährdeten Bewohner berücksichtigt werden. Meine erste Pflegeplanung, die ich zu Hause geschrieben habe dauerte drei Stunden. Stunden, die ich hätte ich sie in der Dienstzeit geschrieben, dem Bewohner abgenommen hätte. Als dann noch im Januar 2007 die Mitarbeiter Überstunden abgeben sollten, weil das Haus wohl durch die 2/3 Belegung finanzielle Probleme haben sollte, drehte ich durch. Ich schrieb folgende Mail an den Bürgermeister der Stadt.


Mir ist zu Ohren gekommen:

1. Dass das Haus nur noch 45 Betten belegt hat.

2. Auch ist mir zu Ohren gekommen, dass Mitarbeiter freiwillig Überstunden abgeben.

3. Weiter Bewohner die versterben, deren freie Plätze nicht mehr belegt werden.

4. Das Haus soll über 400 Euro teurer sein als andere Heime.

5. Interessenten, die die gerne in das Haus gehen würden, sich aber wegen

des Preises für ein anderes Haus entscheiden.

6. Noch schlimmer, so ist mir zu Ohren gekommen: Wenn der Besitzer Verluste einfährt, muss die Stadt, für die Verluste aufkommen.

Bis auf den Punkt 6 hatte ich sogar die Wahrheit geschrieben. Über alle anderen Punkte wurde in der Gemeinde getratscht. Der nette? Bürgermeister hatte die Mail weiter zum Altenheim geleitet. Dort drehte man ebenfalls durch und machte angeblich eine Strafanzeige gegen den Mailschreiber, den sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht kannten. Aber man vermutete und lud mich 14 Tage später zum Gespräch vor. Dort gab ich zu, dass ich der Schreiber der Mail war, ich hatte die faxen dicke. Hatte ich mit der Mail jetzt ein Eigentor oder ein Austor geschossen. Manche würden sagen es war ein Eigentor. Ich behaupte es war ein Austor. Fünf Tage später habe ich mich in die Psychiatrie einweisen lassen. Heute möchte ich behaupten, ich habe kurz vorm Ausbrechen einer erneuten Schizophrenie meinen Vorgesetzten die Brocken vor die Füße geworfen. Verständnis hatten diese jedoch nicht. Als sie erfuhren, dass ich ins Krankenhaus gehe, wurde mir die fristlose Kündigung zugeschickt. Hatte der Chef mir doch mal gesagt: „Er hätte noch nie einen Prozess verloren.“ Dieses Mal musste er sich mit einem Vergleich zufrieden geben.

12 Jahre Pflege mit meiner Diagnose endogene Schizophrenie lagen hinter mir. Darf ich ehrlich sein? Ich bin stolz 12 Jahre durchgehalten zu haben.


Quelle: www.schizophrenie.de.vu

Seite empfehlen:

Antworten

Um diesen Beitrag kommentieren zu können, musst Du eingeloggt sein.
Mitmachen (kostenlos)!

Autor

Günter L.
Mitglied seit: 21.11.07
17 Beiträge
zum Blog von Günter L.

Homepage Link

Meine HP zu Schizophrenie

Beitrag Bewerten

0 Hilfreich!

Funktionen