Interview: Der Patient als Partner des Arztes

21.07.10 13:28 Uhr

Prof. Martin Härter, Universitätsklinikum Freiburg Der Erfolg einer medizinischen Behandlung hängt nicht nur von der Wirksamkeit der Medikamente oder dem Erfolg einer Operation ab, sondern zuallererst von der Qualität des Arzt-Patienten-Verhältnisses. Nach Auffassung von Professor Dr. Dr. Martin Härter ist die Kommunikation zwischen dem Patienten und seinem Arzt eine der wichtigsten Voraussetzungen für den Behandlungserfolg. Die Redaktion PatientenWieIch erhielt von der TK-Versicherung ein Interview, in dem der Leiter der Sektion klinische Epidemiologie und Versorgungsforschung am Universitätsklinikum in Freiburg, der seit Jahren zur Arzt-Patienten-Kommunikation forscht, gefragt wird, ob die "Götter in Weiß" ausgedient haben.

Frage: Hat sich das Arzt-Patienten-Verhältnis in den letzten Jahren verändert?

Prof. Härter: Ja, wir beobachten eine deutliche Veränderung. Während Ärzte früher tatsächlich als "Halbgötter in Weiß" angesehen wurden, deren Therapien vom Patienten nicht hinterfragt wurden, möchten zwei von drei Patienten inzwischen mit ihren Ärzten gemeinsam entscheiden, wenn es um ihre Gesundheit geht. Es kommt also darauf an, Patienten stärker in die medizinischen Entscheidungsprozesse einzubeziehen. Ärzte sollten ihren Patienten die verschiedenen Therapieoptionen aufzeigen, Vor- und Nachteile erklären und dann zusammen mit ihnen entscheiden, was für sie das Beste ist.

Frage: Ist das für Ärzte im Praxisalltag überhaupt leistbar?

Prof. Härter: Unsere Studien zeigen, dass die Beteiligung von Patienten nicht unbedingt mehr Zeit erfordert. Das ist weniger eine Frage des zeitlichen Aufwandes als vielmehr der Art der Kommunikation.

Frage: Die Kommunikationsfähigkeit wird also zur Schlüsselqualifikation der Ärzte. Sie müssen Fachinformationen patientenverständlich erklären. Sehen Sie hier Fortbildungsbedarf bei den Medizinern?

Prof. Härter: Ärzte müssen auf jeden Fall in der Lage sein, ihren Patienten die richtigen und notwendigen Informationen verständlich zu vermitteln. Hierzu gibt es Aus- und Fortbildungsprogramme sowohl für ausgebildete Ärzte, aber auch für angehende Mediziner, die von Beginn ihres Studiums an lernen sollten, wie sie Patienten beteiligen.

Frage: Wie können Patienten sicher sein, dass Ärzte sie mit Art und Umfang der Information nicht in eine bestimmte Richtung steuern?

Prof. Härter: Ärzte müssen ihre Patienten fragen, welche Informationen sie benötigen und inwieweit sie bei für sie bedeutsamen Entscheidungen hinsichtlich Diagnostik und Therapie beteiligt werden möchten. Ärzte sollten neutral und unvoreingenommen informieren. Natürlich besteht im Praxisalltag die Gefahr, dass Ärzte versuchen zu stark zu steuern, aber auch das ist eine Frage der Ausbildung.

Frage: Inwiefern profitieren die Ärzte von einem partnerschaftlichen Verhältnis zu ihren Patienten?

Prof. Härter: Ganz klar profitiert auch der Arzt davon. Ein besser informierter Patient, der die Entscheidung über seine Behandlung mit getroffen hat, hält sich eher an die vereinbarte Therapie. Das wirkt sich positiv, zum Beispiel auf sein Gesundheitsverhalten, und damit auch auf den Behandlungserfolg aus.

Frage: Wie können sich Patienten sonst über ihre Krankheit informieren?

Prof. Härter: Ärzte sind natürlich immer die erste Anlaufstelle. Umfragen zeigen, dass nach den Medizinern am häufigsten das Internet und die Krankenkasse als Informationsquellen genannt werden. Danach kommen Familie, Freunde und Selbsthilfegruppen.

Frage: Sie haben zusammen mit der Techniker Krankenkasse ein eigenes webbasiertes Informationssystem entwickelt. Was muss man sich darunter vorstellen?

Prof. Härter: Viele Patienten nutzen das Internet, um sich über ihre Diagnose und entsprechende Therapiemöglichkeiten zu informieren. Das Problem ist, dass die angebotenen Quellen meist nicht unabhängig sind. Zudem sind sie nicht immer wissenschaftlich fundiert oder für den Laien nicht verständlich. Deshalb wollten wir ein Angebot schaffen, bei dem sich Patienten darauf verlassen können, dass sie unabhängige Informationen, die den neuesten wissenschaftlichen Standards entsprechen, in einer für sie verständlichen Sprache erhalten. Wir nennen das System "Patientendialog", da die Informationen über ein interaktives Dialogsystem angeboten werden. Über die Internetseite der TK können Patienten sozusagen ein virtuelles Gespräch mit einem medizinischen Experten führen. Genau wie ein Arzt stellt der Computer Fragen, die sich auf die Beschwerden des Patienten beziehen. Aus den Antworten generiert das System genau die Informationen, die die Patienten möchten.

Frage: Woher weiß das System, welche Informationen Patienten möchten bzw. benötigen? Und wie kann er sich darauf verlassen, dass die Informationen, die er von einem Krankenkassen-Portal bekommt, unabhängig sind beziehungsweise, dass seine Daten nicht von der Kasse genutzt werden?

Prof. Härter: Der Patientendialog ist zwar über die Internetseite der TK erreichbar, das System wird aber von einem externen Unternehmen, der Gaia AG, betreut. Die Krankenkasse hat keinen Einfluss auf die Inhalte des Systems, alle enthaltenen Informationen sind wissenschaftlich evaluiert, sie orientieren sich an medizinischen Leitlinien. Der Datenschutz wird selbstverständlich auch sichergestellt, die TK greift nicht auf die Daten zu, die die Nutzer eingeben.


Frage: Greifen Sie mit dem Patientendialog nicht in die Therapiehoheit des Arztes ein?

Prof. Härter: Nein, im Gegenteil. Der Patientendialog kann das Arztgespräch nicht ersetzen, aber er kann den Patienten helfen, sich auf den Arztbesuch besser vorzubereiten. Das System hilft ihnen, ihre Präferenzen herauszufinden, wenn sie noch unentschieden sind. Zum Beispiel, ob sie bei akuten Kreuzschmerzen eher für Krankengymnastik sind oder sich auf Medikamente einlassen wollen. Der Patientendialog erklärt die verschiedenen Therapieoptionen, die Wirksamkeit, eventuelle Nebenwirkungen etc. Mit diesem Wissen gehen Patienten dann in das Arztgespräch, gemeinsam entscheiden beide, welches das richtige Verfahren ist.

Frage: Hat das System auch Nachteile?

Prof. Härter: Nicht alle Patienten können oder wollen das Internet nutzen, insofern eignet sich der Dialog sicher nicht für jeden Patienten. Unser Angebot ist nur ein möglicher Weg, aber ein sehr wichtiger Weg.

Quelle: http://www.tk-online.de/tk/medienservice/aktuelle-ausgaben/juni10-arzt-patient/224812

Bild: (c) TK-Versicherung, Hamburg


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Andreas E.
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