Erfahrungen

07.02.08 09:31 Uhr

Leider lernt man vieles erst richtig schätzen, nachdem man die Erfahrung gemacht hat, es nicht mehr zu haben oder zu können! Ein Beispiel: Als ich wieder einigermassen gehen konnte, fuhr ich zum ersten Mal wieder mit meiner Schwester zusammen mit dem Tram in die Stadt. Auch wenn es sich jetzt voll blöd klingt, es war meine glücklichste Tramfahrt überhaupt, denn ich spürte: ICH BIN WIEDER MITTEN IM LEBEN! Dieses Gefühl hatte ich lange vermisst und fühlte es daher umso intensiver. Viele Dingen (wie zum Bespiel das Tram fahren oder schon nur einen Schritt gehen zu können etc.) waren vorher so selbstverständlich und jetzt richtige Highlights für mich!
Jedoch mit der Zeit, je mehr ich wieder in den Alltag zurückfand, desto selbstverständlicher wurden die Dinge wieder. In gewissen Momenten spüre ich aber auch heute noch oft dieses Gefühl, das ich damals hatte und ich bin dankbar mitten im Leben stehen zu dürfen. In solchen Augenblicken wird mir wieder bewusst, dass nichts selbstverständlich ist und vor allem wie schön es eigentlich ist zu leben!

Am Anfang hatte ich auch richtig Angst wieder unter die Leute zu gehen, da ich mich regelrecht vor Reaktionen fürchtete. In unserer Gesellschaft ist das Thema Krebs leider immer noch ein sehr grosses Tabuthema. Man spricht nicht darüber, da man überfordert ist und nicht weiss, wie man damit umgehen soll. Auch denken viele Leute bei dem Wort Krebs gerade ans Sterben, an den Tod. Man hat grosse Angst davor. Tatsache ist, dass nur sehr wenige Krebskranke innerhalb weniger Wochen sterben und heutzutage in der Schweiz 50% aller Krebskranken geheilt werden können.
Die grosse Hemmschwelle gegenüber Krebs bekam und bekomme ich häufig zu spüren. Ich mache sehr häufig die Erfahrung, dass Leute nicht wissen, ob sie mich darauf ansprechen sollen oder nicht. Vielleicht haben sie Angst davor, mich daran zu erinnern, vielleicht wollen sie mich nicht verletzen. Sie wissen häufig nicht, wie sie damit umgehen sollen. Ich versuche, offen darüber zu reden und mir persönlich ist es am liebsten, wenn man mich direkt darauf anspricht. Denn wenn man offen darüber redet, ist es für den Betroffenen/die Betroffene, sowie für das Gegenüber oft eine grosse Erleichterung.

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Steffi J.
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