08.03.11 09:06 Uhr, geändert am 08.03.11 09:07 Uhr
Zu Beginn des Jahres 2009 hat der Gesetzgeber nicht nur den Gesund-heitsfonds eingeführt, gleichzeitig – für die breite Öffentlichkeit fast unbemerkt – ist auch ein krankheitsorientierter Finanzausgleich zwi-schen den gesetzlichen Kassen in Kraft getreten. Das Ziel dieses so genannten morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleichs, kurz Morbi-RSA, lautet: Kassen mit Versicherten, für die mehr oder schwerere Erkrankungen dokumentiert sind, sollen mehr Geld aus dem Fonds bekommen als Krankenkassen, deren Versicherte weniger Krankheitsmerkmale aufweisen. Die Kriterien, nach denen die Krankenkassen mehr oder weniger Geld aus dem Fonds zugewiesen bekommen, sind zum einen die Häufigkeit der Krankheitsdokumentation sowie ggf. Kran-kenhaus-aufenthalte und die Art und Menge der Medikamente, die Ärzte im Zusammenhang mit bestimmten Erkrankungen verordnen müssen. Hört sich kompliziert an? Ist es auch!
Selbst Fachleute können nur schwer nachvollziehen, ob die erhobenen Daten, die als Grundlage für die Zuweisungen an die Kassen dienen, mit der Wirklichkeit, also dem tatsächlichen Krankheitsbildern der Versicher-ten, übereinstimmen. Deshalb will auch die Kritik der Manipulationsfähigkeit an dem Konstrukt "Morbi-RSA" nicht verstummen. Und das nicht ohne Grund! Die Befürchtungen, die Kritiker dieses Finanzausgleichssystems – zu denen auch die Techniker Krankenkasse (TK) gehört – immer wieder äußern, haben sich im Alltag deutscher Arztpraxen bestätigt. So gab und gibt es zum Beispiel Anrufe und Besuche von Kassen-Vertretern, die Ärzte dazu auffordern, bei ihren Versicherten bestimmte Krankheits-Kodierungen vorzunehmen. Die Absicht dahinter ist klar: Umso mehr Versicherte einer Kasse zumindest auf dem Papier unter den Krankheiten leiden, die im Morbi-RSA besonders berücksichtigt werden, desto mehr Geld fließt auch an die Kasse. „Dieses Vorgehenwird von den entsprechenden Kassen als so genanntes Right-Coding bezeichnet und für die korrekte Krankheitsbeschreibung als notwendig erachtet. Die Grenze zum Up-Coding aber ist fließend. Das heißt, ein Patient wird unter Umständen kränker gemacht, als er wirklich ist“, erklärt Dr. Barbara Bertele, TK-Expertin für den Morbi-RSA. „Steigt der Krankheitsgrad, so löst dies auch einen höheren Zuschlag aus." Anders ausgedrückt: Eine Depression bringt mehr Geld als eine unspezifische depressive Episode. Da zukünftig auch die Vergütung der ambulant täti-gen Ärzte unter anderem von der Morbidität ihrer Patienten abhängt, haben bald nicht nur die Kassen ein Interesse an einer umfangreichen Krankheitsdokumentation, sondern auch die Ärzte.
Risiken und Nebenwirkungen des Morbi-RSA für die Patienten
Auch für die Versicherten kann dieses System in mehrfacher Hinsicht unerwünschte Risiken und Nebenwirkungen bereithalten. Bei bestimmten Erkrankungen muss der Arzt Medikamente verordnen, damit die Krankenkasse einen Zuschlag aus dem Morbi-RSA erhält. Die Gefahr besteht darin, dass eventuell Arzneimittel verschrieben werden, die unter Umständen gar nicht erforderlich sind. Verträge, bei denen Kassen Pharmafirmen Verantwortung für die Patientenversorgung übertragen, sind daher aufmerksam zu beobachten.
"Vorbeugen ist besser als Heilen"
Diese alte Volksweisheit hat bis heute nichts an ihrer Gültigkeit verloren. Krankheiten mittels Prävention zu verhindern oder deren Fortschreiten zu verzögern oder gar zu vermeiden, ist immer noch besser als jede Therapie, die erst dann eingreift, wenn die Krankheit schon da ist.
Für einen Patienten mit Diabetes Typ 2 ist beispielsweise eine gesunde Ernährung, eventuelle Gewichtsreduktion und körperliche Bewegung mindestens genauso wichtig wie die medikamentöse Therapie, um das Fortschreiten der Erkrankung zu verhindern oder wenigstens zu ver-langsamen. Unter Umständen ist es Patienten sogar möglich, durch diese Maßnahmen ihre Medikamente zu reduzieren oder sogar vielleicht ganz auf Tabletten zu verzichten. In manchen Fällen kann es sogar mit einem gesunden Lebensstil gelingen, Krankheiten aufzuhalten, die als Folge des Diabetes auftreten – wie zum Beispiel Schädigungen von Blutgefäßen oder Organen. Auch beim Bluthochdruck, einer weiteren Volkskrankheit, kann man dieses Phänomen beobachten.
Doch in der Logik des Morbi-RSA ist ein präventiver Ansatz nicht interessant – weil er für die Akteure nicht lukrativ ist. Überspitzt könnte man behaupten, dass es sich für Kassen nicht lohnt, Krankheiten zu verhindern oder zu verzögern. Denn nicht die Kassen, die in Gesundheitsför-derung und Prävention investieren, bekommen mehr Geld aus dem System. In erster Linie profitieren die Krankenkassen, deren Versicherten zumindest auf dem Papier möglichst krank sind. Vergessen darf man dabei aber nicht, dass ein Verzicht auf präventive Maßnahmen langfristig das ganze System schädigt und zu erhöhten Ausgaben führt.
„Daher sollte der Morbi-RSA, wie von der Bundesregierung bereits im Koalitionsvertrag angekündigt, auf ein notwendiges Maß reduziert, vereinfacht und weniger manipulationsanfällig gemacht werden“, so Bertele weiter. „Im Gegenzug sollten Gesundheitsförderung und Prävention ei-nen größeren Stellenwert in der medizinischen Versorgung erhalten.“
Quelle: Quelle: Quelle: http://www.tk.de/tk/medienservice/aktuelle-ausgaben/februar11-arzneimittelversorgung-2-0/280108
Bild: Angie525A, „Licht und Schatten“ (CC 2.0) Some rights reserved
Gruppe: Medikamente
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Andreas E. |